Schutz, Solidarität, Signalwirkung: Der Fall Mubarak Bala
Kaum jemand verkörpert die Ziele des Humanist Shelter Program der Humanistischen Vereinigung so eindrücklich wie Mubarak Bala: Das Programm bietet Humanist*innen Schutz, eröffnet ihnen neue Perspektiven und setzt damit ein kraftvolles Zeichen für das Menschenrecht auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit.
Von der Verfolgung und Inhaftierung als politischer Gefangener zur humanistischen Solidarität
Als Mubarak Bala 2020 in Nigeria wegen angeblicher „Blasphemie“ verhaftet, über ein Jahr ohne Anklage festgehalten und später in einem willkürlichen Verfahren zu einer drakonischen Haftstrafe von 40 Jahren verurteilt wurde, war schnell klar, dass es hier nicht um einzelne Facebook-Beiträge ging, sondern um einen Angriff auf grundlegende Menschenrechte. Aus humanistischer Sicht waren seine Inhaftierung und Verurteilung ein massiver Verstoß gegen die Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Die Humanistische Vereinigung nahm den Fall Bala deshalb früh in den Fokus, machte auf sein Schicksal aufmerksam, beteiligte sich an internationalen Kampagnen und suchte gezielt Verbündete in Politik und Zivilgesellschaft.
Ein wichtiger Schritt war dabei die enge Zusammenarbeit mit dem damaligen Beauftragten der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Frank Schwabe. Auf Anregung der Humanistischen Vereinigung reiste er 2022 nach Nigeria, traf dort Balas Familie, seinen Anwalt, Vertreter*innen der nigerianischen Menschenrechtskommission und warb nachdrücklich für seine Freilassung. Dieser beharrliche Einsatz und das Zusammenspiel von Zivilgesellschaft und politischen Akteur*innen trugen maßgeblich dazu bei, dass ein Berufungsgericht im Jahr 2024 die Haftstrafe drastisch verkürzte und Mubarak Bala in der Folge – nach Jahren der Willkürhaft – das Gefängnis verlassen konnte.
Der Schutzaufenthalt bei der Humanistischen Vereinigung: das Humanist Shelter Program
Auch nach seiner Freilassung bestand für Mubarak Bala weiterhin Gefahr. Er musste sich zunächst an einem sicheren Ort in Nigeria versteckt halten, denn Drohungen und Feindseligkeiten religiöser Fundamentalisten rissen nicht ab, und auch staatliche Stellen boten keinen verlässlichen Schutz. In dieser Situation setzte das Humanist Shelter Program der Humanistischen Vereinigung an: Gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt und dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) gelang es nach sowohl intensiven als auch präzisen Vorbereitungen, Mubarak Bala nach Deutschland zu holen und ihm einen mehrmonatigen Schutzaufenthalt mit finanziellen Mitteln für ein Stipendium und ein Begleitprogramm zu ermöglichen.
Bei der Humanistischen Vereinigung fand Bala einen Ort, an dem er zur Ruhe kommen, medizinische und psychologische Betreuung in Anspruch nehmen und sich zugleich in seiner Arbeit neu orientieren konnte. Für die Humanistische Vereinigung war es ein wichtiges Anliegen, ihm nicht nur physische Sicherheit zu bieten, sondern auch die Voraussetzungen zu schaffen, seine Menschenrechtsarbeit in Freiheit fortzusetzen: durch Kontakte zu humanistischen Organisationen weltweit, zu Medien, zu politischen Entscheidungsträger*innen und durch die Einbindung in ein solidarisches Netzwerk, das seine Stimme stärkt, statt sie zum Schweigen zu bringen.
Erholung und Menschenrechtsarbeit in sicherer und unterstützender Umgebung
Während seines Aufenthalts bei der Humanistischen Vereinigung hat Mubarak Bala mehrfach öffentlich über seine Erlebnisse berichtet – in Vorträgen, Interviews und Gesprächen, etwa in einer Radiosendung auf Bayern 2 und bei einem Interview mit der Humanistischen Vereinigung sowie bei einem Vortragsabend im Humanistischen Zentrum. Dort schilderte er eindrücklich, wie er im Gefängnis nur überleben konnte, indem er sich als gläubiger Muslim ausgab, wie er Bildung für andere Gefangene organisierte und wie Gewalt, Fanatismus und Rechtlosigkeit den Alltag prägten. Zugleich machte er deutlich, wie wichtig internationale Solidarität für ihn war – und wie lange er im Gefängnis nicht wusste, dass draußen Menschen für seine Freilassung kämpften.
Mit der personellen, materiellen und ideellen Unterstützung durch das Humanist Shelter Program konnte Mubarak Bala sich von den Strapazen der Haft erholen, seine Geschichte in die Öffentlichkeit tragen und seine Rolle als Menschenrechtsaktivist neu definieren. Er knüpfte Kontakte zu humanistischen Organisationen in Europa und darüber hinaus, nahm an internationalen Konferenzen teil und arbeitete an Strategien, wie Humanist*innen und Andersdenkende in Nigeria und anderen Ländern besser geschützt und vernetzt werden können. Dass diese Arbeit heute möglich ist, zeigt, wie das Humanist Shelter Program nicht nur Einzelnen hilft, sondern auch Strukturen stärkt, die langfristig für mehr Freiheit und Humanismus sorgen.
Auftrag und Perspektive des Humanist Shelter Program
Der Fall Mubarak Bala verdeutlicht, warum es das Humanist Shelter Program braucht. In vielen Regionen der Welt sind Humanist*innen, säkular eingestellte Menschen sowie sogenannte „Apostaten“, also Menschen, die ihrer Religion abgeschworen haben, massiver Verfolgung ausgesetzt – von Haftstrafen bis hin zu Folter, Todesstrafen oder Lynchjustiz wegen „Blasphemie“ oder „Apostasie“. Nicht nur im Fall Bala wird deutlich, wie schnell der bloße Verdacht wegen vermeintlicher „religiöser Beleidigung“ zu tödlicher Gewalt führen kann und wie wenig Schutz staatliche Institutionen manchmal bieten. Schon der erste Gast im Humanist Shelter Program, ein Rechtsanwalt aus Pakistan, musste wegen ähnlicher Drohungen inkognito im Untergrund leben, bevor er mit Hilfe unseres Programms der Bedrohungslage entkommen konnte.
Mit dem Humanist Shelter Program will die Humanistische Vereinigung konkreten Schutz bieten, wo akute Gefahr besteht, und zugleich daran mitwirken, internationale humanistische Netzwerke zu stärken. Das Programm richtet sich an bedrohte Menschenrechtsverteidiger*innen, die aufgrund ihres Engagements für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, für Meinungsfreiheit und andere Grundrechte verfolgt werden. Es bietet ihnen zeitlich befristete Aufenthalte in Sicherheit, Unterstützung beim Entwickeln neuer Pläne und Perspektiven und die Möglichkeit, ihre Arbeit in einem Umfeld fortzuführen, in dem sie nicht ständig um ihr Leben fürchten müssen. Mubarak Bala ist ein prominentes Beispiel dafür, wie ein solcher Schutzaufenthalt Leben retten, politisches Engagement ermöglichen und eine starke, glaubwürdige Stimme für Humanismus und Menschenrechte erhalten kann.
Ein Erfolg – und ein Auftrag für die Zukunft
Für die Humanistische Vereinigung ist der mittlerweile abgeschlossene Aufenthalt Mubarak Balas im Humanist Shelter Program ein großer Erfolg, zu dem viele Jahre beharrlicher Arbeit hingeführt haben – von den ersten Solidaritätsaufrufen über politische Interventionen bis hin zur Organisation seines Schutzaufenthalts. Er zeigt, dass humanistische Solidarität Grenzen überschreiten, Unrecht sichtbar machen und konkret Leben verändern kann. Diese Erfolgsgeschichte macht zugleich deutlich, dass der Einsatz für Religions- und Weltanschauungsfreiheit nicht mit der Freilassung eines einzelnen Menschen endet: In Nigeria und vielen anderen Ländern sind weiterhin Humanist*innen, Andersgläubige und Kritiker*innen religiöser Machtstrukturen bedroht.
Das Humanist Shelter Program versteht den Fall Bala deshalb als Auftrag, diesen Weg weiterzugehen: bedrohten Humanist*innen Schutz zu bieten, ihre Stimmen hörbar zu machen und gemeinsam mit internationalen Partnerorganisationen für eine Welt zu arbeiten, in der niemand wegen seiner humanistischen Überzeugungen und Anschauungen verfolgt wird. Die Erfahrung mit Mubarak Bala zeigt, dass sich der Einsatz lohnt – und dass Humanismus besonders dann seine Kraft entfaltet, wenn er Menschen in ihrer verletzlichsten Lage beisteht.

