„Eine Aufgabe, die vielleicht ein Leben lang dauert“
Herr Bala, Sie waren ungefähr vier Jahre in Nigeria im Gefängnis. Wie haben Sie diese lange und schwierige Zeit im Gefängnis durchgestanden? Was hat Ihnen in dieser Situation Kraft und Hoffnung gegeben?
Mubarak Bala: Vielen Dank für das Interview. Ich denke, am meisten geholfen haben mir die Kontakte zu anderen Menschen. Gleich nach meiner Ankunft im Gefängnis beschloss ich, Freundschaften zu schließen, mich zu vernetzen und nützlich zu machen. In den ersten Wochen fiel mir auf, dass es keine Schule gab. Die Gefangenen dort hatten keinerlei Schulbildung und kamen größtenteils aus Dörfern. Sie hatten zwar einen Klassenraum, der nur aus einer Matte unter einem Baum bestand, mit etwa fünf bis zehn Schülern. Eine Klasse für die Grundschule, eine andere für die Sekundarstufe. Also begann ich, als Freiwilliger zu arbeiten und versuchte, die Bedingungen zu verbessern. Und als ich das Gefängnis verließ, hatten wir ein ganzes Klassenzimmer mit Bänken, einer Tafel, Büchern und vielen freiwilligen Lehrern für die Grundschule und die Sekundarstufe.
Wir wollten das Angebot sogar auf den Frauenbereich ausweiten, um auch dort eine Art Bildung zu ermöglichen, und die Verantwortlichen davon überzeugen, einen Aufenthaltsraum mit Medien zu errichten, was uns auch gelang. Sie erlaubten uns einen Fernseher, auf dem wir zunächst eine Zeit lang Nachrichten empfangen konnten, was aber verboten wurde, weil wir zu viele Informationen über die Außenwelt enthielten. So konnten wir nur Sport, einige erlaubte Filme und Musikprogramm sehen, was dem Gehirn etwas half, sich von den Traumata zu erholen. Ein Stück weit haben wir die Atmosphäre von einem gewalttätigen, widerwärtigen Ort, an dem es so viele Kämpfe und so viel Gewalt gab, in einen Ort des Lernens und der Zusammenarbeit verwandelt.
Ich wurde auch eine Art Vermittler oder Anwalt, zu dem Menschen mit Streitigkeiten kamen oder um ihre Beschwerden und manchmal auch ihre Probleme vorzutragen. Manchmal brauchten sie nur Essen oder Ähnliches. Mit den wenigen Mitteln konnten wir dennoch die meisten Probleme lösen.
Und sie wussten nicht, wer ich bin. Sie hielten mich für einen Muslim. Ja, so bin ich damit umgegangen.
Sie mussten sich also als Muslim ausgeben und verkleiden?
M.B.: Ja. Einige wussten es, aber nicht viele. Wir haben es so gut wie möglich geheim gehalten.
Sie suchten sich also Beschäftigungen, die Ihnen das Gefühl gaben, etwas Sinnvolles zu tun. Aber ein Gefängnis in Nigeria – viele Menschen in Deutschland können sich das wahrscheinlich nicht vorstellen- das ist kein geschützter Ort. Man ist nicht vor der Außenwelt sicher. Mussten Sie im Gefängnis um Ihr Leben fürchten?
M.B.: Nun, allein die Entführung, um mich in den Bundesstaat Kano zu bringen, war schon eine Gefahr. Um Ihnen das zu verdeutlichen: Wenn man jemanden von einem sicheren Ort, beispielsweise Dubai, entführt und ihn dann in den Iran schmuggelt, um ihn wegen Blasphemie oder Apostasie vor Gericht zu stellen, oder insbesondere, wenn aktiv nach ihm gesucht wird, dann kann man das nicht Schutzhaft oder Schutzmaßnahme nennen. Ich wurde aus einer Stadt entführt, in die ich geflohen war – einer sehr sicheren, säkularen Stadt. Relativ gesehen, denn nirgendwo in Nigeria ist man wirklich sicher. Aber dort war ich etwas sicherer, nachdem ich einer gewaltsamen Einweisung in eine psychiatrische Klinik durch meine Familie entkommen war. Und 2014 suchten Leute aktiv nach mir aufgrund eines Mordaufrufs gegen mich.
Deshalb ging ich in den Bundesstaat Kaduna, wo ich leben konnte, wo es Christen gibt. Dort konnte ich ein Leben in völliger Anonymität führen, doch dann wurde ich von meiner eigenen Regierung entführt und zurück nach Kano gebracht. Der Bundesstaat Kano ist ein reiner Scharia-Staat ohne andere demografische Minderheiten. Es gibt dort keine christliche Bevölkerung. Sie wurden vertrieben. Daher ist es in Kano so gefährlich für Nicht-Muslime.
Selbst der Prozess hätte in Kano gar nicht stattfinden dürfen, wenn er fair hätte sein sollen. Ich war also dort im Gefängnis in sehr feindseliger Umgebung. Man sagte mir, wenn ich jemals als Blasphemiker oder Apostat bekannt würde, müsse ich selber dafür sorgen, am Leben zu bleiben. Es läge an mir, zum Islam zu konvertieren oder nicht. Ich fragte: „Für wie lange?“ Man sagte, vielleicht zwei Wochen, aber daraus wurden dann zwei Jahre. Aber ich habe mich damit arrangiert und versucht, so wenig wie möglich aufzufallen. Mein Name war dort unbekannt, meine Anklage war dort unbekannt. Ich habe also so gut wie möglich durchgehalten, und selbst am letzten Tag, als ich die Stadt verlassen sollte, verlegt werden sollte in ein anderes Gefängnis, fragten sie mich, ob, meine Konvertierung echt sei. Ich sagte ihnen, dass Sie mich dazu aufgefordert hatten, um mein Leben zu retten und Ihre Arbeit zu erleichtern.
Sie rechneten mir vor, dass die Zahl der Gefangenen im Gefängnis etwa 2000 betrage. Und sie sagten mir, dass wenn ich bei dieser Aussage bliebe, meine Identität preisgäbe oder über meinen Fall spräche, in große Schwierigkeiten geraten würde. Und Sie seien den Gefangenen zahlenmäßig unterlegen, nur 100 bis 300 Mitarbeiter. Also sei es an mir, mich selbst zu schützen. Und ich sagte Ihnen, dass ich nicht weiter in diesem Gefängnis leben will. Und dass ich meinen Prozess beschleunigen konnte – er hätte fünf Jahre dauern können – um die Stadt und den Bundesstaat Kano verlassen und ein anderes Gefängnis finden zu können. Denn es gab andere Gefängnisse, in die sie mich hätten bringen können, also habe ich das auf diese Weise geschafft. Und ich denke, meine kulturelle Stammeszugehörigkeit hat auch geholfen, denn ich gehöre dem Volk der Hausa an. Ich spreche ihre Sprache, ich kleide mich wie sie. Daher wären die Gefahr und Feindseligkeiten nicht so offenkundig gewesen. Denn wäre ich von einem anderen Stamm gewesen, hätte es größere Probleme gegeben. Und ich hätte vielleicht nie die Verlegung aus dem Gefängnis geschafft.
Wussten Sie, dass die internationale humanistische Gemeinschaft während Ihrer Haftzeit Kampagnen für Ihre Freilassung führte und sich an Politiker*innen wandte? Wussten Sie, dass Sie Unterstützung von außen erhielten?
M.B.: Als sie mich einlieferten, verweigerten sie mir den Zugang zu einem Anwalt und Telefonate. Ich habe gesehen, wie sie es mit anderen Häftlingen handhaben: Ihnen waren Anrufe und Familienbesuche erlaubt. Mir wurde es über ein halbes Jahr lang verweigert.
Ich wusste also lange nicht, was vor sich ging. Ich hoffte nur, irgendwie klarzukommen. Ich wusste, dass es irgendwann zu einem Prozess kommen würde, aber man sagte mir, dass selbst der Prozess nicht stattfinden könne, weil die Leute sehr wütend und feindselig seien. Die Anklage des Prozesses dürfe nicht bekannt werden. Und so dachte ich, wenn ich irgendjemanden erreichen könnte – und die einzige Person, an die ich mich erinnern konnte, war Dr. Leo Igwe – hätte ich vielleicht eine Chance auf einen Prozess oder vielleicht Familienbesuche.
Aber es dauerte so lange und irgendwann dachte ich, die Welt hätte mich vergessen. Weil ich ohne jegliche Mittel ins Gefängnis kam, war ich viel am Rechnen: Wie sollte ich mir überhaupt einen Anwalt leisten können? Wie sollte ich das alles stemmen? Ich wusste nicht, dass sich in meinem Fall etwas bewegte oder sonst irgendetwas, was außerhalb der Gefängnismauern geschah. Die Gefängnismauern sind so abgeschottet, dass man wirklich nicht mitbekommt, was draußen passiert.
Nun zu Nigeria und der dortigen Situation: Warum ist es in ihrem Heimatland so schwierig, Dinge und auch Religion zu hinterfragen oder kritisch zu denken? Woher kommt diese starke religiöse Dominanz und diese Intoleranz gegenüber anderen?
M.B.: Wir haben ein Erbe des Dschihad, der nur ein Jahrhundert vor der Ankunft der Briten stattfand. Die Briten kamen um 1903, also im 20. Jahrhundert, nach Nordnigeria. Doch bereits ein Jahrhundert zuvor, im Jahr 1804, hatte es einen Dschihad gegeben. Es handelte sich um den „Fulani-Dschihad“ unter der Führung von Usman dan Fodio. Dieser Dschihad war ein klerikaler Dschihad zur Einführung der Scharia, selbst gegen die herrschende muslimische Klasse in der Region. Es war ein Reich, das sich vom heutigen Mali über die Sahelzone, Tunesien, Nordnigeria bis nach Kamerun und Gabun erstreckte. Diese Institution war also fest etabliert, und die Briten weigerten sich, kulturell in diese Region vorzudringen, das System zu stören. Sie haben es nicht entwurzelt und nicht verändert, es blieb also weitgehend intakt.
Diese Region lässt sich heute nur mit Afghanistan vergleichen, sie ist nicht ansatzweise so liberal wie beispielsweise Dubai oder Katar oder so sicher wie Saudi-Arabien. Es ist eine gesetzlose Region mit allem, was man sich auch in Afghanistan vorstellen kann. Fanatismus, Gesetzlosigkeit, Waffen, Dschihadisten. Und es ist so konservativ, dass man schockiert wäre, zu erfahren, was die Leute dort glauben. Man würde meinen, sie lebten in einer Zeit vor tausend Jahren, wenn man ihnen zuhört.
Für sie bin ich also ein Gräuel, ein Außenseiter, etwas Neues. Deshalb muss ich verrückt, ein Wahnsinniger sein und deshalb landete ich in Kuwait in einer psychiatrischen Klinik. Denn was ich sagte, galt nicht nur als Blasphemie oder Apostasie, sondern es war auch undenkbar, zu sagen, man glaube nicht an Gott. Dann hat man offensichtlich psychische Probleme, da stimmte etwas ganz und gar nicht mit einem.
Wir leben in Nigeria also weiter nach der Scharia. Die Briten kamen und lockerten die Scharia zwar teilweise. Etwa 30 Jahre später verboten sie Sklaverei und die Todesstrafe. Andere Teile der Scharia blieben jedoch bestehen. Selbst nach der Unabhängigkeit führten sie für Nordnigeria ein neues Strafrechtssystem ein. Im Süden galt ein eher ziviles Recht, während wir im Norden dieses komplizierte System haben, in dem Sünde in die Moralvorstellungen und das Wohlergehen der Region integriert ist. Man kann also wegen einer Sünde angeklagt werden. Aber das steht im Zivilgesetzbuch, es ist also tatsächlich ein Verbrechen, es ist strafbar. Zum Beispiel gibt es Unzucht, Beleidigungen, Kritik an der Religion und andere Vergehen.
Aber als die Briten 1960 abzogen, hinterließen sie uns eine neue Generation von Politikern. Diese waren jedoch sehr tribalistisch, verbittert, regionalistisch und sehr auf ihren eigenen kulturellen Hintergrund bedacht. So dominierte die nördliche Region das Land fünf Jahre lang. Dann erhoben sich die anderen Regionen zum Kampf und eliminierten die Führung des Nordens. Das führte zu einem etwa dreijährigen Bürgerkrieg. Dann kam das Militär zurück und übernahm die Macht. Und so blieb die Situation bis zur Jahrhundertwende.
1999 zog sich das Militär zurück und es kehrte derselbe religiöse Fanatismus nach Nigeria zurück. Jetzt ging es darum, das Kalifat, die Scharia und den Dschihad wiedereinzuführen. Nun leben wir eigentlich in einer neuen, modernen Zeit, in der die Verfassung eindeutig besagt, dass die Scharia nicht wiedereingeführt werden darf und dass keine Staatsreligion eingeführt werden darf. Aber sie haben es getan. Der Präsident versuchte, dagegen anzukämpfen, erkannte aber, dass dies zu einem weiteren Bürgerkrieg führen könnte. So ist das ganze Land nun dem Norden ausgeliefert, der seine eigenen Interessen, sein Land, seine Lebensweise und seine Doktrin in den Vordergrund stellen will. Daher werden die in der gesamten Region alle Ressourcen des Landes weiterhin in den Schutz des modernen konservativen Systems investiert.
In dieser Zwickmühle befindet sich Nigeria nach wie vor. Und deshalb möchte ich ein Referendum anstoßen, in dem wir eine konstruktive Diskussion darüber führen könnten, ob wir in diesem Land leben wollen, das die Briten geschaffen haben. Das Dilemma Nigerias ist also nach wie vor eine nationale Frage: Sind wir wirklich eine Nation oder sind wir ein Volk, das die Unabhängigkeit will?
Wie häufig sind Blasphemievorwürfe oder ähnliche Anklagen in Nigeria? Gibt es viele andere Betroffene oder nur wenige?
M.B.: Nun, es gibt einige Fälle dieser Art, auch in Gefängnissen, aber das sind eher Glücksfälle. Meistens endet man tot. Das ist die einfache Wahrheit, insbesondere, wenn man auf offener Straße beschuldigt wurde. Und wie ich schon sagte, hängt es oft auch mit Ihrer Abstammung und dem Ort der Blasphemie zusammen. So etwas kann passieren. Sie werden auf offener Straße beschuldigt, und ein oder zwei Stunden später sind Sie tot. Manchmal sogar noch schneller.
Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel geben: Im Bundesstaat Bauchi nahm eine nicht-muslimische, christliche Lehrerin einem Schüler einen Koran ab, weil sie gerade unterrichtete und er in seinem Koran nachschlug. Es war also nicht der richtige Zeitpunkt für Koranunterricht. Also nahm sie ihm den Koran weg. Die Schüler dort – allesamt Teenager – schrien, sie dürfe den Koran nicht berühren, weil sie keine Muslimin sei und Nicht-Muslime unrein seien. Sie nannten sie „Nigger“, was als unrein oder schmutzig gilt und sie habe den Koran berührt und damit eine schwere Blasphemie begangen. Innerhalb einer Stunde, noch bevor andere Lehrer sie retten konnten, wurde sie von ihren eigenen Schülern getötet.
Oder sie könnten mal „Miss Bridget Agbahime“ googeln. Sie wurde direkt vor den Augen ihres Mannes enthauptet. Es gab auch mehrere andere Vorfälle. Sogar während meiner Haftzeit. Wie Deborah, die wegen Blasphemie getötet und auf offener Straße verbrannt wurde. Das sind also diejenigen, bei denen das Rechtssystem scheitert.
Ich glaube, während meiner Haftzeit habe ich von vier oder fünf solchen Fällen in der Region gehört. Die Einschüchterung dadurch ist so stark, dass man sich nicht einmal traut, etwas zu sagen. Zum Islam zu konvertieren ist oft der einzige Ausweg. Deshalb würden es die meisten Menschen niemals wagen, Religion zu kritisieren oder ihre Meinung zu äußern.
Hatten Sie in der Vergangenheit, bevor Sie inhaftiert wurden, schon einmal überlegt, Nigeria zu verlassen, um diesen Bedrohungen zu entgehen?
M.B.: Ich habe aufgrund der Bedrohungen darüber nachgedacht. Aber sobald die Gefahr nachließ, dachte ich: „Ich schaffe das, solange ich anonym bleibe und den Ort wechsle.“ Obwohl ich Freunde und alles, was ich besaß, verloren hatte, sagte ich mir: „Ich fange neu an.“ Also fing ich irgendwo neu an und weigerte mich, das Land zu verlassen. Den Amerikanern, die mich nach Abuja, in die Hauptstadt, einluden, und auch anderen Ländern, in denen ich 2013 und 2014 war – also vor etwa zehn Jahren – sagte ich: „Ich kann in Nigeria über die Runden kommen. Ich muss nicht fliehen, denn die Regierung wird mich schützen.“
Und ich dachte, selbst wenn die Regierung mich nicht schützen würde, würde ich mich nicht öffentlich angreifbar machen. Der größte Verrat war für mich also die Regierung selbst. Dass die Regierung mich festnehmen und an Leute ausliefern würde, die mich tot sehen wollen.
Ich war nur online aktiv. Ich habe mit Muslimen zusammengearbeitet. Diese Muslime kennen mich, sie wissen, dass ich eigentlich ein netter Kerl bin, der gut mit ihnen auskommt. Ich kritisiere ihre Religion, ohne sie dabei zu verletzen. Ich glaube, Kritik ist für sie besonders emotional. Wenn man ihre Religion kritisiert, denken sie, man sei persönlich gegen sie, hasse sie oder wolle ihnen Böses. Aber in Wirklichkeit ist es nicht so. Man kritisiert eine Idee, die ihnen sehr wichtig ist. Aber diese Idee macht sie und andere zu Opfern und letztendlich tötet sie alle. Das ist der Unterschied, den sie verstehen müssen.
Wie haben Sie es schließlich geschafft, das Gefängnis und Nigeria zu verlassen?
M.B.: Ich wurde zu 24 plus 16 Jahren, also insgesamt zu 40 Jahren verurteilt. Als ich in der Hauptstadt ankam, legten wir Berufung ein. Das Gericht entschied sich jedoch, in Kano zu tagen, was nicht fair ist. Denn wenn die Verhandlung in Kano stattfindet, einem Bundesstaat, in dem die Scharia gilt, sind die Angeklagten den Gefühlen und Launen der Gesellschaft unterworfen. Daher wurde das Urteil bestätigt: Ich bin zwar weiterhin schuldig, habe aber genug abgesessen. Die Strafe wurde auf fünf Jahre reduziert.
Nun legen wir beim Obersten Gerichtshof Berufung ein und versuchen, die Zuständigkeit des Gerichts anzufechten. Außerdem war der Prozess unfair, da ich in eine Umgebung gebracht wurde, in der ich mich nicht verteidigen könnte, ohne jemanden zu verärgern. Wir wissen, was bei solchen Prozessen passiert: Der Mob erfährt, dass der Prozess begonnen hat und man sich an diesem Tag dort aufhält. Dann greifen sie einen an. Dann töten sie einen.
Es ist so: Jemand will dich tot sehen und beruft sich auf den Koran und seine heiligen Schriften und sagt dir, hier stünde, warum du sterben sollst, und deshalb müssten wir dich töten. Und du hast keine Möglichkeit zu antworten, denn wenn du antwortest, würdest Du sie als Terroristen oder vielleicht als Dschihadisten bezeichnen. Das wäre für sie eine Beleidigung.
Wir benannten diese Tatsachen und hofften, dass der Oberste Gerichtshof entscheiden wird. Ob der Prozess fair war, ob die Gerichte überhaupt zuständig waren, und ob meine Meinungsfreiheit, meine Religionsfreiheit und mein Recht auf Selbstverteidigung gewahrt blieben, denn ich habe mich die meiste Zeit selbst verteidigt.
Sie leben nun schon seit einigen Monaten hier in Nürnberg, ermöglicht durch das „Humanist Shelter Program“ der Humanistischen Vereinigung. Wie erleben Sie diese Freiheit jetzt – dieses Leben in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft?
M.B.: Vielen Dank, dass Sie mich überhaupt nach Deutschland gebracht haben. Die deutsche, die amerikanische, ich glaube auch die kanadische und die britische Regierung hatten mir angeboten, mir bei der Umsiedlung zu helfen. Obwohl ich sehr zögerlich war, denn ich hatte gehofft, in Nigeria bleiben zu können. Aber ich kannte die Lage nicht genau, ich saß im Gefängnis. Ich wusste also nicht, welcher großen Bedrohung ich ausgesetzt war. Als ich dann freikam, wurde mir klar, dass es wirklich lebensbedrohlich war, obwohl es das eigentlich schon immer war. Aber ich hatte mich so daran gewöhnt, dass es mich nicht mehr störte. Dann wurde mir aber klar, dass ich wegmusste. Und so beschloss ich: Okay, vielleicht gehe ich für eine Weile und komme dann hoffentlich zurück, wenn es sicher ist.
Aber ich habe auch Zweifel, ob mein Umzug hierher richtig war. Ich bin im April hier angekommen und hatte das Gefühl, es sei vielleicht noch zu früh, bevor ich die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs über meine Rückkehr nach Hause erhalten würde. Meine Anwälte sagten mir nämlich, wenn der Oberste Gerichtshof mein Urteil bestätigen würde, müsste ich zurückkehren und den Rest meiner Strafe absitzen.
Ich habe seither festgestellt, dass die westlichen Regierungen schützender und liberaler sind und die Gesellschaften hier sehr vernünftig. Ich muss mich also nicht mehr ständig umsehen oder das Gefühl haben, dass mich jemand sucht, obwohl ich immer noch unter dem Trauma, dem Schlafmangel und der Angst leide. Es gibt viele damit verbundene Probleme, die man über die fünf Jahre und die fünf Jahre davor im Versteck mit sich herumträgt.
Wenn man sich fünf Jahre lang versteckt hält und dann jahrelang im Gefängnis sitzt, muss man nach der Entlassung mit 40 wieder ganz von vorne anfangen. Aber ich glaube, dies hier ist eine gute Gesellschaft für einen Neuanfang. Ich schätze die Lebensweise und Kultur sehr, sie sind sehr tolerant. Ich sehe Musik auf den Straßen. Ich sehe Menschen, die sich kleiden, wie sie wollen, und sie sind sehr gastfreundlich. Ich hatte große Angst, ich dachte, Deutschland sei sehr rechtsgerichtet und nicht gastfreundlich. Und dann lächeln einen die Leute an. Sie sprechen einen an, fragen, woher man kommt, welche Kultur man hat und wie es einem hier gefällt. Und sie sind freundlich. Und vor allem respektieren sie die Umwelt, sie respektieren den Planeten. Überall sehe ich saubere, gepflegte Umgebungen, was uns in unserer Gesellschaft fehlt. Und da merkt man, dass es, glaube ich, hauptsächlich das Negative ist, was man im Radio oder Fernsehen hört. Es entspricht nicht der Realität.
Sie haben auch an internationalen Treffen teilgenommen, wie dem Humanist*innenkongress in Luxemburg oder anderen humanistischen Veranstaltungen. Welche Eindrücke haben Sie dort gewonnen?
M.B.: Ja, ich bin zum internationalen Treffen der Humanisten nach Luxemburg gereist und dort habe ich viele Humanist*innen aus anderen Organisationen getroffen, insbesondere diejenigen, die sich in den letzten fünf Jahren, ja im letzten Jahrzehnt, unermüdlich für mich eingesetzt haben.
Die alle kannten Sie. Aber Sie kannten die nicht.
M.B.: Ja, genau. Daher war dies die beste Gelegenheit, sie zu treffen und ihre Bemühungen und ihre Arbeit zu würdigen. Und ihnen auch von den Herausforderungen zu erzählen, vor denen wir in unserer Heimat stehen. Denn ich bin nicht allein. Viele Menschen stecken in ähnlichen Situationen wie ich, denen wir kaum helfen können. Obwohl ich als Präsident der Nigerianischen Humanistischen Vereinigung Schutzhäuser betrieben und Menschen, genau wie mich, in andere Städte umgesiedelt habe, die wir als sicher empfanden. Wir haben Stipendien für sie gefunden, damit sie studieren und ihr Leben ohne den damit verbundenen Paria-Status, ohne gesellschaftlichen Boykott, Schikanen und Drohungen, insbesondere durch Familienmitglieder, fortsetzen können. Das haben wir erreicht.
Und daran arbeite ich weiterhin. Wir vernetzen Humanist*innen in unseren Heimatländern, nicht nur in Nigeria, sondern auch in anderen Ländern Subsahara-Afrikas und im Nahen Osten. Wir arbeiten mit ihnen zusammen, und Humanist*innen weltweit unterstützen uns mit Finanzierung, Ressourcen und Kanälen, insbesondere Kommunikationskanälen und Möglichkeiten, die sich durch Organisationen und Sponsoren für solche Programme ergeben, wie beispielsweise mein Programm hier mit der IFA.
Hier im Westen schätze ich das System, die IFA und die deutsche Regierung, die dieses Programm ins Leben gerufen haben. Auch in der EU gibt es ein ähnliches Programm. Wir haben ein vergleichbares kanadisches Programm. Das ist hervorragend. Und dafür bin ich sehr dankbar.
Sie sprachen gerade über Ihre Arbeit für kritische und humanistische Stimmen in Nigeria, Afrika und weltweit. Wie lässt sich das von Deutschland aus realisieren – ist das überhaupt möglich?
M.B.: Nun, zuallererst denke ich, dass man hier arbeiten kann, ohne dass plötzlich die Behörden das Büro durchsuchen, die Geräte beschlagnahmen und einen dann abführen, weil sie angebliche Beweise haben. Ich denke, das ist das Wichtigste: die Sicherheit. Dass man sprechen und Interviews geben kann – ich habe, glaube ich, schon über ein Dutzend Interviews gegeben, während ich in Europa bin. Ich war in mehreren deutschen Städten, nicht nur in Nürnberg. Ich war auch in anderen Städten der EU. Ich bin sogar kurz nach Kenia geflogen, um dort einen Vortrag über unsere Situation als Randgruppe in einem eher religiösen Teil der Welt zu halten, vielleicht sogar im religiösesten.
Ich denke, es ermöglicht einem Freiheit, denn selbst jetzt noch sind meine Geräte und meine Büroarbeit bei der Polizei und den nigerianischen Behörden. Wir haben alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft, um sie zurückzubekommen, aber es ist uns nicht gelungen. Die Freiheit, die mir dieser Ort bietet, ermöglicht es mir, Humanist*innen zu organisieren und zu versuchen, die Gesellschaft wieder zu erreichen und zu sehen, was wir bewirken können.
Wir arbeiten bereits daran, unsere Websites wiederherzustellen. Die Finanzierung ist gesichert, und wir unternehmen viel, denn es ist wirklich gefährlich, dies von zu Hause auszutun. Ich denke, es könnte anders sein, wenn wir die nigerianischen Behörden überzeugen können, dass wir Teil der Gesellschaft sind und einen sinnvollen Beitrag zur Entwicklung des Landes leisten können, insbesondere mit rationalem, kritischem und offenem Denken, insbesondere im Hinblick auf Säkularismus und humanistische Ideale in Bereichen wie Bildung, Wissenschaft und ähnlichem. Und vielleicht können wir uns eine weitere Chance erarbeiten, in einer Gesellschaft ohne Belästigungen und Bedrohungen unseres Lebens zu leben.
Wie geht es ihrer Familie? Und besteht die Möglichkeit, sie wiederzusehen? Haben Sie Kontakt?
M.B.: Ja. Ich habe tatsächlich Kontakt. Ich habe eine Familie in Nigeria, die ich schon vor meiner eigenen Familie als meine Familie bezeichnet habe – die humanistische Gemeinschaft. Ich habe auch schon Adoptivkinder aufgenommen, über die Jahre hinweg mit meinen eigenen Mitteln. Denn als ich die Religion verließ, verlor ich alles. Ich hatte keine Möglichkeit mehr, mich der menschlichen Gesellschaft zugehörig zu fühlen. Also habe ich Tiere und Menschen adoptiert, insbesondere aus dem Almajiri-System. Das sind geschätzte 12 Millionen Kinder, die von ihren Eltern ausgesetzt werden, um den Koran zu studieren und sich um Vieh zu kümmern. (Anm.d.Red.: Almajiri in Nigeria ist ein traditionelles islamisches Bildungssystem, in dem arme Kinder zum Koranunterricht geschickt werden, jedoch oft verwahrlosen, ausgebeutet werden oder als Teil der niedrigsten Gesellschaftsschicht von extremistischen Gruppen wie Boko Haram rekrutiert werden.)
Ich nenne diejenigen, die ich adoptiert und großgezogen habe, auch meine Familie. Ich habe auch meine eigene Familie, meinen Sohn und meine Frau, mit denen ich in Kontakt stehe. Ich versuche es, so gut es geht. Erst heute haben wir darüber gesprochen, ob ich mein Kind nachholen kann und ob ich die Familie für ein Wiedersehen hierher einladen kann.
Denn wenn ich nicht frei nach Hause zurückkehren kann, müssen wir einen Weg finden, sie hierher zu holen. Obwohl es selbst in der Familie Bedenken gibt, da ich die traditionellen islamischen Heiratsriten nicht vollzogen habe. Aber ich hoffe, dass wir in Europa vielleicht eine Chance auf eine säkulare Ehe haben könnten, ohne die Voraussetzung, eine Frau mit Geld kaufen zu müssen. Und auch für das Kind, um einen Neuanfang zu haben, frei und sicher, ohne die Indoktrination, die die Gesellschaft vielleicht mit sich bringen würde.
Seine Mutter hat ihn in eine islamische Madrasa geschickt. Ich habe so meine Bedenken, aber ich kann mich nicht wirklich dagegen wehren. Ich hoffe also, dass er das in einem säkularen System nicht muss. Wir wissen auch, wie wichtig es ist, sich in die Gesellschaft, in die Gemeinschaft zu integrieren. Damit man nicht schikaniert wird. Damit er nicht das durchmachen muss, was sein Vater durchgemacht hat. Ich verstehe also die Herausforderungen, vor denen wir stehen und hoffe trotzdem, dass ich etwas bewirken kann.
Und können Sie sich vorstellen, eines Tages nach Nigeria zurückzukehren, wenn Sie sich sicher fühlen oder glauben, sicherer zu sein?
M.B.: Nun, hier fühle ich mich sicherer, aber ich werde auf jeden Fall irgendwann nach Hause zurückkehren. Das ist meine Heimat. Tatsächlich bin ich direkt nach meiner Freilassung in meine Heimatregion zurückgeflogen. Ich bin zurück nach Kano, weil ich meine Mutter sehen musste, meine Geschwister, die Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin – die meisten von ihnen haben mich abgelehnt. Aber als sie mich trafen, mussten sie sich trotzdem zu mir setzen und mit mir etwas trinken oder essen. Das habe ich mehrmals getan. Und genau das versuche ich immer noch: den Kontakt zu meiner Gemeinschaft suchen. Sie haben mich ausgegrenzt. Sie haben mich verstoßen. Aber ich habe es trotzdem geschafft, mich ihnen entgegenzustellen.
Ich zeige mich, ich bin präsent. Und selbst hier in Deutschland bin ich nach Bonn gereist, zum größten Treffen von Menschen aus meinem Land, aus meiner Region. Ich habe sie getroffen, mit ihnen gesprochen und wurde herzlich aufgenommen. Und ich war schockiert, dass ich der einzige Nicht-Muslim dort war. Ich fragte: Wo sind die anderen Nigerianer? Man lädt auch Somalis ein, sogar Sudanes*innen, weil sie Muslime sind. Aber man hatte nicht einmal Christen aus Südnigeria zu einem Fest eingeladen, wo wir eine Gemeinde hätten gründen können. Deshalb hoffe ich und wünsche ich mir, in einem sicheren Land Schutz zu finden und dann irgendwann dauerhaft in meine Heimat zurückzukehren, etwas zu bewirken, die Menschen zu erreichen.
Ich habe auch den politischen Traum, dass ich, wenn wir mit dem Referendum Erfolg haben und die Menschen sich für den Verbleib im Land entscheiden, hoffentlich zurückkehren und für das Präsidentenamt kandidieren werde.
In Deutschland sind Meinungs- und Religionsfreiheit selbstverständlich. Jeder hat sie, es ist normal. Aber Sie erlebten das Gegenteil. Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen hier diese Freiheiten als selbstverständlich ansehen und ihre Bedeutung unterschätzen, weil sie so normal sind?
M.B.: Ja. Also, wenn ich mir die deutsche Geschichte ansehe, denke ich, dass sie vor drei oder fünf Jahrhunderten ihre eigenen Schwierigkeiten hatte, und dann die Reformation und eine dogmatische, theokratische Herrschaft durchgemacht hat.
Ich glaube, das muss jede Gesellschaft durchmachen, bevor sie gestärkt daraus hervorgehen und diese Freiheit erlangen kann. Das wünsche ich mir auch für meine Heimat. Ich habe hier festgestellt – und versuche das immer noch zu realisieren – dass ich nicht verfolgt werde. Ich werde nicht verurteilt, hier, in diesem anderen Teil der Welt, herrscht eine freie Kultur.
Aber ich werde trotzdem das Gefühl nicht los, verurteilt oder angestarrt zu werden. Vielleicht wegen meiner Hautfarbe oder meines Namens. Ich bin etwas immer leicht nervös, weil ich das Gefühl habe, nicht dazuzugehören. Aber das ist in Wirklichkeit nicht der Fall. Sobald ich das Haus verlasse, treffe ich Menschen. Dann sind sie freundlich, dann heißen sie uns willkommen, und ich denke: Wow, okay, wir sind ja alle Afrikaner.
So wie ich es sehe, haben wir uns in Afrika entwickelt, und ich hoffe, wir können diese Transformation, die euer Kontinent durchlaufen hat, nun auch erleben. Und wir könnten vielleicht unsere Kulturen so reformieren, dass sie frei sind, sodass niemand mehr von zu Hause weglaufen muss, nur weil er seine Religion, seine Philosophie oder seine Kultur ändert.
Es ist eine Aufgabe, die vielleicht ein Leben lang dauern wird, aber ich hoffe, wir können sie bewältigen.
Was sind Ihre Hoffnungen oder Wünsche für die internationale humanistische Bewegung in den nächsten Jahren? Dass wir uns etwas stärker auf Afrika und andere Länder konzentrieren, in denen Menschen unterdrückt werden und mehr Hilfe benötigen als in der westlichen Welt?
M.B.: Nun ja, wir haben da so viel aufzuholen, weil wir auch sozioökonomisch zu kämpfen haben. Obwohl wir von der Mehrheitsgesellschaft isoliert sind, hat auch diese mit dem Wirtschaftssystem zu kämpfen. Ich denke also, ja, es stimmt, dass wir die meiste Unterstützung, die meiste Hilfe und die meiste Aufmerksamkeit brauchen, denn ich hoffe, dass wir nicht mehr aus unserer eigenen Region oder unseren Teilen der Welt fliehen müssen.
Ich denke, die internationale Gemeinschaft sollte Fällen wie unserem und Situationen wie unserer Priorität einräumen. Wenn wir Bildungsstipendien, Fördergelder oder andere soziale Unterstützung erhalten könnten, um in unseren eigenen Gemeinschaften zurechtzukommen, wäre das gut.
Es wird auch viel an einem Kulturaustausch und der Förderung unserer Online-Präsenz gearbeitet, insbesondere im Internet, wo wir unsere eigenen Websites haben und diese selbst verwalten können. Ich denke, Sie haben dank der Unterstützung Ihrer Regierung, die auch andere Institutionen unterstützt, schon viel erreicht. Wir könnten mit internationalen Organisationen zusammenarbeiten, um unsere Gruppen in unserer Heimat nicht nur auf dem Papier, sondern auch als Teil des dortigen gesellschaftlichen Sektors anerkennen zu lassen. So könnten wir von der Regierung die tatsächliche Anerkennung erhalten, dass wir geschützt sind und nicht geoutet, belästigt, verhaftet oder bedroht werden dürfen. Es ist ein langer Weg, aber ich hoffe, wir erreichen unser Ziel.
Herr Bala, vielen Dank für das Gespräch und diese Einblicke.
(Das Interview führte Martin Bühner.)

