Manal Agrama: "I'm not guilty!"

Proteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo im Juli 2011: Die Revolution hat das System erschüttert, aber nicht wirklich verändert. (picture by Ahmed Abd El Fatah - CC BY-NC-ND 2.0)

photo by Aschevogel CC CC BY-NC-ND 2.0

Ägypten ist heute unter Präsident al-Sisi in Sachen Meinungs- und Pressefreiheit schlechter aufgestellt als unter Mubarak.

Die ägyptische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Manal Agrama ist in Deutschland angekommen, wo sie im Rahmen des „Humanist Shelter Program“ der Humanistischen Vereinigung für sechs Monate in Sicherheit leben wird.

„Ich bin nicht schuldig!“ – Diesen Satz wiederholte Manal Agrama während ihrer mehr als fünfzehnmonatigen Haft in einem ägyptischen Gefängnis immer und immer wieder. Sie wurde wegen ihrer journalistischen Arbeit und ihres Einsatzes für die Demokratie eingesperrt.

Nun ist sie als sechster Gast des „Humanitarian Shelter“-Programms der Humanistischen Vereinigung in Nürnberg eingetroffen. Am Flughafen wurde sie von Dr. Stefan Lobenhofer empfangen und zum Humanistischen Zentrum begleitet. Dort wurde sie von HV-Vorstand Michael Bauer und Anika Herbst willkommen geheißen, die in einem langen Gespräch viele Details über ihre Ausreise, die Monate im Gefängnis und ihren familiären Hintergrund erfuhren.

Manal Agrama ist seit vielen Jahren als aktivistische Journalistin tätig und nahm an Protesten und politischen Bewegungen teil, darunter auch an der Revolution von 2011. Sie hat über die Demokratiebewegung in Ägypten berichtet und mutig für einen demokratischen Wandel in ihrer Heimat gekämpft – einem Land, das laut internationalen Menschenrechtsorganisationen von Präsident Abdel Fattah al-Sisi autoritär, fast diktatorisch regiert wird. 

Unter Präsident Sisi hat sich die Lage der Meinungs- und Pressefreiheit in Ägypten im Vergleich zur Mubarak-Ära spürbar verschlechtert. Obwohl Wahlen stattfinden, entsprechen sie nicht den internationalen Standards, und das Militär besetzt die meisten Schlüsselpositionen in Politik und Wirtschaft. Die Parlamentswahlen wurden Ende 2025 unter schwerer Repression und ohne echten Wettbewerb abgehalten; in der Realität ist das Parlament lediglich eine Marionette.

Internationale Menschenrechtsberichte bestätigen, dass die Meinungs- und Pressefreiheit in Ägypten stark eingeschränkt ist: Auf der von Reporter ohne Grenzen veröffentlichten Rangliste der Pressefreiheit belegt das Land Platz 170 von 180 Ländern. Journalist*innen, Aktivist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen werden willkürlich inhaftiert. Der Alltag ist geprägt von absoluter staatlicher Kontrolle, hoher Inflation und willkürlichen Steuern – wobei die Preise für manche Produkte über Nacht um bis zu 100 Prozent steigen. Religiöse Autoritäten und Sicherheitskräfte agieren täglich auf eine Weise, die demokratischen Prinzipien widerspricht und Menschenrechte missachtet.

Agrama verfügt über ein Netzwerk von Journalistinnen und ihr Fall wurde regelmäßig in den Medien thematisiert. Doch weder dieses Netzwerk noch ihre öffentliche Bekanntheit konnten ihre Verhaftung verhindern; im Gegenteil: Je mehr Aufmerksamkeit ihr Fall erregte, desto intensiver wurden die Bemühungen des Staates, sie mundtot zu machen. Zuletzt hatte sie sich in einem gesicherten Gebäude für Journalistinnen aufgehalten – bekannt als „compound“.

Schließlich wurde Agrama unter konstruierten Vorwürfen inhaftiert, was auch Menschenrechtsberichte bestätigen: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Nutzung einer Website im weltweiten Internet und Teilnahme an einer kriminellen Verschwörung. Ein prominenter Anwalt wurde mit ihrer Verteidigung betraut, was sich als vorteilhaft bei ihrer Verteidigung und im Umgang mit den Behörden erwies. Sie verbrachte mehr als 15 Monate im Gefängnis – das ursprüngliche Urteil hatte eine noch längere Haftstrafe vorgesehen. Doch sie sagt, dass die Zeit im Gefängnis sie weder brechen noch einschüchtern konnte. Das größte Problem, mit dem sie konfrontiert war, sei der völlige Mangel an Unterstützung durch relevante gesellschaftliche Gruppen gewesen.

Wenn sie jetzt spricht, wirkt sie genau so, wie man es nach ihren Worten erwartet: selbstbewusst, entschlossen und klar in ihrer Haltung. Was ihr am meisten wehgetan hat – und dies auch weiterhin tut – ist die Tatsache, dass sie ihre Familie verlassen musste. In der arabischen Kultur hat die Familie einen hohen Stellenwert; die Sorge für die Angehörigen gilt als wichtig und ehrenvoll. Dieser Abschied wiegt schwer für sie.

Das Humanist Shelter Program der Humanistischen Vereinigung, das in Zusammenarbeit mit der Elisabeth-Selbert-Initiative und dem Auswärtigen Amt durchgeführt wird, gibt Agrama das, was sie so lange vermisst hat: Zeit, Sicherheit und Freiheit. Sie wird sechs Monate in Nürnberg verbringen und dabei die volle Unterstützung der Humanistischen Vereinigung erhalten.

Sie erklärt ihre Absichten: Sie möchte nicht nur Distanz zum Gefängnis und zur Unterdrückung gewinnen, sondern sich auch weiterhin für die Meinungsfreiheit in ihrer Heimat einsetzen. Manal Agrama möchte den Aufbau journalistischer Fähigkeiten insbesondere bei jungen Menschen unterstützen und die Meinungsfreiheit fördern, um so zu einem langfristigen, schrittweisen demokratischen Übergang in Ägypten beizutragen. Diesen Grundsatz will Manal Agrama auch in Zukunft weiter verkörpern.

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