Humanismus als Widerstand: Der World Humanist Congress 2026
Die Organisator*innen von Humanists International und Humanist Canada hatten ein breites Programm aus Vorträgen, Podiumsdiskussionen und einem bunten Rahmenprogramm auf die Beine getellt. Zu den drei Hauptredner*innen gehörten Rebecca Goldstein, Francesca Klug und A.C. Grayling – drei Stimmen, die aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Frage blickten, was es bedeutet, humanistische Werte in einer Zeit zunehmenden autoritären Drucks zu vertreten. Petra Schmidt und Arne Lund beschrieben die Atmosphäre als intensiv und verbindend: Über die gesamte Kongressdauer sei deutlich geworden, wie unterschiedlich die Herausforderungen sind, denen sich humanistische Organisationen weltweit stellen und wie nah sich gleichzeitig die Menschen dahinter in ihren Grundüberzeugungen sind.
Im Rahmen des WHC 2026 fand auch die Generalversammlung von Humanists International statt. Sie wurde erstmals von Maggie Ardiente geleitet, die 2025 zur neuen Präsidentin der Organisation gewählt worden war – eine Position, die bisher mit europäischen Humanist*innen besetzt worden war und nun erstmals in amerikanischer Hand liegt. Zum neuen Vizepräsidenten wählte die Generalversammlung Leo Igwe, Gründer der Humanistischen Vereinigung Nigeria und eine der prägendsten Stimmen des afrikanischen Humanismus. Igwe hat sowohl einen philosophischen als auch einen religionswissenschaftlichen Hintergrund und forscht seit Jahren zu Themen wie Hexenglauben, Religion und Atheismus in mehreren afrikanischen Ländern. In seiner neuen Rolle will er sich insbesondere dem weltweiten Erstarken von religiösem Nationalismus und Extremismus entgegenstellen.
Weitere neue Vorstandsmitglieder kommen aus Peru, Malaysia und Großbritannien und bringen damit unterschiedliche regionale Schwerpunkte in die internationale Vorstandsarbeit ein – von der Stärkung des Säkularismus in Lateinamerika über Menschenrechtsarbeit in Südostasien bis zur Mobilisierung junger Humanist*innen in Europa. Verabschiedet wurde zugleich Roslyn Mould, die nach zwölf Jahren im Vorstand von Humanists International – davon mehrere Jahre als Vizepräsidentin – ihr Amt niederlegte. Sie wurde für ihre Verdienste um den Humanismus in Afrika ausgezeichnet, ebenso wie Norm Allen Jr., der jahrzehntelang den Säkularismus in der afroamerikanischen Gemeinschaft und auf dem afrikanischen Kontinent gefördert hat.
Passend zum Kongressmotto verabschiedete die Generalversammlung die „Erklärung von Ottawa über Humanismus als Widerstand". Sie bekräftigt, dass Humanismus nicht nur eine Sammlung niedergeschriebener Werte ist, sondern eine gelebte, aktive Haltung. Die Erklärung positioniert sich gegen das weltweite Wiedererstarken von Autoritarismus und gegen Angriffe auf die Gedanken- und Meinungsfreiheit. Sie ruft alle Humanist*innen dazu auf, selbstbewusst und mutig in der Öffentlichkeit aufzutreten – nicht nur in Ländern, in denen humanistische Positionen bereits selbstverständlich Gehör finden, sondern gerade dort, wo sie unter Druck geraten. Für die HV-Delegierten ist genau das der Kern dessen, was den WHC 2026 ausgemacht hat: die Erinnerung daran, dass humanistische Grundüberzeugungen – Vernunft, Mitgefühl, Selbstbestimmung – keine abstrakten Prinzipien sind, sondern etwas, wofür man im Alltag eintreten muss, wenn es darauf ankommt.
Die Generalversammlung beschloss außerdem, eine umfassende Überprüfung der eigenen Strukturen anzustoßen – unter anderem mit Blick auf Amtszeitbegrenzungen im Vorstand und die Einrichtung einer Wahlkommission. Das zeigt: Der internationale Dachverband arbeitet nicht nur nach außen an gesellschaftlichem Wandel, sondern nimmt auch die eigene Organisation kontinuierlich in den Blick.
Dieser richtete sich aber auch bereits auf den nächsten World Humanist Congress, der 2027 in Lima in Peru stattfinden wird – zum ersten Mal in Südamerika und als Signal: Der Austausch soll bewusst dorthin getragen werden, wo humanistische Organisationen noch jünger sind und sich in einem oft von Religion geprägten gesellschaftlichen Umfeld behaupten müssen.
Für die Humanistische Vereinigung war die Teilnahme an diesem Kongress ein wichtig, um den Austausch mit der internationalen humanistischen Gemeinschaft zu pflegen und aktuelle Entwicklungen aus erster Hand mitzubekommen. Die in Ottawa verabschiedete Erklärung bestätigt auch unsere eigene Arbeit in Sinne eines praktizierten Humanismus: Denn dieser zeigt sich nicht allein in Texten und Positionspapieren, sondern darin, wie couragiert und sichtbar man ihn im Alltag und dem eigenen Umfeld vertritt.
Mehr zum Kongress und der Erklärung finden sich im Bericht von Humanists International.
(Fotos: Petra Schmidt, Humanists International)

